Carolin Emcke, Journal

by HCB

Tagebuch in Zeiten der Pandemie

„Vielleicht ist das, was diese Pandemie als Langstrecke so anstrengend macht: dass sie uns zwingt, alles Unvorhergesehene, alles, was aus Übermut oder einfach aus Freude möglich wäre, mit Bedenken zu belegen. Vielleicht ist es das, was auf Dauer so bedrückend ist, dass uns das Leichte abhanden kommt. Vielleicht ist es das, was langsam auch so müde macht, die willentliche Selbstbeschränkung um alles, was unerwartete, lustvolle, widerständige Lebendigkeit sein könnte.“

Das notiert Carolin Emcke nach einem Treffen mit einem Freund in einem Restaurant. Wiedersehensfreude nach langer Zeit an einem Ort, der nicht so recht dazu passt. Die Verlegenheit (Maske auf oder Maske weg) sitzt mit am Tisch: 

“Dabei ist meine Freude vermischt mit Sorge, was gefährlich sein könnte, vermischt mit Ärger, dass ich diese soziophobe Sorge nicht abzustellen weiß, vermischt mit der Irritation, wie wir uns so zügig verformen lassen konnten, dass uns alle Körperlichkeit, aber auch alle Spontaneität auf einmal verwirrt. Es ist ja nicht nur, dass wir seit Wochen auf Abstand konditioniert sind, sondern wir uns alles Spielerische, alles Anarchische versagen.“

Carolin Emcke, Autorin und Publizistin, ausgezeichnet mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, hat ihr Tagebuch aus der Zeit des Lockdowns veröffentlicht. Es ist eine Einladung, diese Zeit noch einmal zu erinnern, sich zu erinnern an die eigene Verunsicherung. Noch einmal nachzuerleben, wie langsam unser Wissen um das Virus und seine pandemische Ausbreitungsdynamik gewachsen ist. Noch einmal nachzuempfinden, wie angstvoll und inkonsequent unsere privaten wie gesellschaftlichen Reaktionen waren. Und sich jetzt die Frage zu stellen, wie uns diese Zeit verändert hat. 

Carolin Emcke schreibt emotional, schildert Angsträume, lässt ihre Trauer zu Wort kommen. Dann wieder wechselt sie in eine sachliche Sprache, um gesellschaftliche Dynamiken zu beschreiben und verdichtet auf den Punkt zu bringen:

„Die Wahrscheinlichkeit einer zweiten Welle erhöht sich mit jedem, der sie für unwahrscheinlich hält.“

Aus ihrem persönlichen Erleben schildert sie gesellschaftliche Entwicklungen, Zäsuren und Brüche dieser Zeit: die Abwägung zwischen dem Schutz der Bevölkerung und der Einschränkung von Freiheitsrechten in den einzelnen Bundesländern, die nationalistischen und autoritären Reflexe in Ungarn oder den USA, den Gerichtsprozess um die Morde des „nationalsozialistischen Untergrunds“ in Deutschland, die Situation in den Flüchtlingslagern in Griechenland und auf dem Rettungsschiff, das in Palermo festgehalten wurde. 

Ein wichtiges Buch, meine ich. Ein Buch, das die Frage stellt: Welche wesentlichen Erfahrungen haben wir in dieser Zeit gemacht und wie nehmen wir diese Erfahrungen in die Gestaltung unseres gesellschaftlichen Lebens auf:

„Hätte es einer Versuchsanordnung bedurft, mit der sich simulieren lässt, welches die fragilen Sollbruchstellen unserer Gesellschaften sind, diese Pandemie wäre der ideale Stresstest gewesen: Welche Strukturen unverzichtbar sind für ein Gemeinwesen, welche Bereiche nicht de-reguliert oder privatisiert werden dürfen, welche Güter allen gemein und öffentlich sein müssen, aber auch welche Vorstellungskraft, welche politische Phantasie es braucht, das Ausmaß einer Krise wirklich zu durchdringen, um in der gebotenen Radikalität zu reagieren – das wurde bitter deutlich. Nicht nur hier bei uns, sondern überall in Europa.“

Carolin Emcke: Journal

Tagebuch in Zeiten der Pandemie

S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main,  2021

ISBN 978-3-10-397094-4

Hans-Christian Beutel, Kontakt: hans-christian.beutel@evl.fi

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