Impulse, Reformation 2021-12-29

Ich sehe jetzt, was übersetzen heißt

by HCB

In seinem Studierzimmer auf der Wartburg arbeitet Martin Luther an der Übersetzung des Neuen Testaments. Während in Wittenberg die Reformation aus dem Ruder zu laufen droht und in Rom ein neuer Papst* gewählt wird, konzentriert sich Luther auf sein wichtigstes Anliegen: den Menschen eine Möglichkeit zu geben, Gottes Wort zu hören und zu verstehen, ohne dafür auf die Vermittlung durch kirchliches Fachpersonal angewiesen zu sein. Es wird sein wichtigsten Anliegen bleiben für die 24 Lebensjahre, die ihm bis zu seinem Tod bleiben.

In einem Brief vom 13. Januar 1522 schreibt Luther an seinen Kollegen Nikolaus von Amsdorf:

„Unterdessen werde ich die Bibel übersetzen, obwohl ich damit eine Last auf mich genommen habe, die über meine Kräfte geht. Ich sehe jetzt, was übersetzen heißt und warum es bisher von niemandem in Angriff genommen worden ist, der seinen Namen dabei bekannte. Das Alte Testament aber werde ich nicht anrühren können, wenn ihr nicht dabei seid und mitarbeitet. Ja, wenn es etwa ginge, dass ich bei irgendjemandem von euch heimlich ein Zimmer haben könnte, würde ich bald kommen und mit eurer Hilfe das Ganze von Anfang an übersetzen, damit das eine würdige Übersetzung wird, was die Christen lesen. Denn ich hoffe, dass wir unserem Deutschland eine bessere als die Vulgata geben werden. Es ist ein großes und würdiges Werk, um welches wir uns alle bemühen sollten, da es Eigentum aller und der gemeinen Wohlfahrt gewidmet sein soll.“ 

Nein, leicht gemacht hat Luther sich die Arbeit nicht. Sie berührt ihn im Kern seiner Frömmigkeit: Gottes Wort übersetzen – welch eine Verantwortung ist das! Luthers Übersetzertätigkeit ist von einem hohen Ernst geprägt. Aber es gibt dabei auch noch eine andere Seite: die Entdeckerfreude. Etwas besseres als die lateinische Übersetzung der Vulgata ist plötzlich möglich! Der griechische Text des neuen Testamentes steht nun in einer Druckausgabe zur Verfügung! Und wenn Luther darüber schreibt, dann wird neben dem verantwortungsschweren Theologen auch der begeistere Humanist erkennbar. Aus den Quellen schöpfen – welch eine Freude ist das für einen, der die lateinische Vulgata als abgestandenes Wasser empfindet!

Wir werden Luther in den kommenden Monaten immer wieder als leidenschaftlichem und sorgfältigem Übersetzer begegnen – bis zum 21. September 1522, dem Tag, an dem das Neue Testament auf Deutsch erscheint (daher der Name „Septembertestament“). Für heute will ich eine Frage aufgreifen, die mir 2017 oft gestellt worden ist: Da ist die jüngste Überarbeitung der Lutherbibel erschienen und ich bin im Land mit einem Vortrag zu Luthers Bibelübersetzung unterwegs gewesen. Die Frage, die mir dabei häufig gestellt wurde, ist: „Welche Rolle spielt eigentlich der griechische Text heute noch? – Dass sich die deutsche Sprache verändert und die Lutherbibel an diese sprachlichen Veränderungen angeglichen werden muss, das leuchtet ein. Aber warum dann immer wieder der Rückbezug auf den griechischen Text? Sind die Übersetzungsentscheidungen von Luther denn nicht klar?“

Dieser Frage geht von der Vorstellung aus, dass unser heutiges Deutsch sich verändert, der griechische Text aber eine feste Größe sei. Was aber, wenn diese Vorstellung nicht stimmt? Was aber, wenn auch der griechische Text des neuen Testamentes Veränderungen unterliegt? 

Das mag merkwürdig klingen. Es wird aber sofort einleuchtend wenn wir bedenken, dass ein großer Teil der griechischen Handschriften des Neuen Testamentes erst in den letzten 150 Jahren gefunden worden ist. Diese Quellen standen Luther noch gar nicht zur Verfügung, als er an seiner Übersetzung arbeitete.

Auf Luthers Schreibtisch lag ein griechisches Neues Testament, das Erasmus von Rotterdam nur wenige Jahre zuvor herausgegeben hatte. Und damit verbindet sich eine spannende Geschichte:

Die Erfindung des Buchdruckes mit beweglichen Lettern (Johannes Gutenberg) liegt nur fünf Jahrzehnte zurück, als unter humanistischen Gelehrten ein regelrechter Wettlauf ausbricht, wer denn die erste Druckausgabe des griechischen Neuen Testamentes herausbringen kann. Im spanischen Alcalá arbeitet seit 1502 eine Gruppe von Gelehrten an einer mehrsprachigen Ausgabe des Neuen Testaments, die auch den griechischen Text beinhalten soll. (Wichtiger Hinweis: der Rückgriff auf die Ursprachen der Bibel ist nicht ein Alleinstellungsmerkmal der Reformatoren – auch in Kreisen, die papsttreu bleiben werden, ist das humanistische Anliegen „Zurück zu den Quellen“ lebendig). Seit 1504 beschäftigt sich Erasmus von Rotterdam mit einer Überprüfung der lateinischen Vulgata anhand des griechischen Urtextes. Dazu hat er acht verschiedene Handschriften zur Verfügung, von denen keine das gesamte Neue Testament enthält, die sich aber untereinander so ergänzen, dass alle Schriften des NT abgedeckt sind. Nur am Ende der Johannesoffenbarung fehlt ein Blatt. Nun erfährt Erasmus von dem Projekt, an dem in Alcalá gearbeitet wird. Und er ist eitel genug, in einen Wettlauf einzutreten: Er will der erste sein, der eine griechische Textausgabe des Neuen Testamentes herausbringt. 

Die Ausgaben, die Erasmus zur Verfügung stehen, stammen alle aus dem 12. bis 15. Jahrhundert. Sie enthalten eine Textfassung, die sprachliche Härten glättet und inhaltliche Spannungen auszugleichen versucht – also einen bearbeiteten Text, der zu dem auch nachträglich ergänzte Textpassagen enthält. Unter unglaublichem Zeitdruck bringt Erasmus seine Ausgabe heraus – die fehlenden Verse der Johannesoffenbarung übersetzt er kurzerhand aus der Vulgata zurück in‘s Griechische. Im Februar 1516 erscheint diese Ausgabe: Erasmus hat das Rennen gewonnen – die Ausgabe im spanischen Alcalá kommt erst 1520 auf den Markt. Sie setzt wissenschaftlich neue Maßstäbe, entfaltet aber neben der qualitativ schlechteren Ausgabe des Erasmus kaum eine Wirkung. Die bleibt bis in‘s 19 Jahrhundert hinein die bestimmende Ausgabe. Dann erst setzen sich neue Ausgaben durch, die auf Handschriften aus dem 4. Jahrhundert basieren und damit deutlich näher am Ursprung des Neuen Testamentes sind. 

Wenn ich heute meine griechische Ausgabe des Neuen Testamentes aufschlage, dann habe ich einen deutlich anderen Text vor mir als den, der Luther damals zur Verfügung stand. Aber: auch ich habe nicht den Urtext zur Verfügung. Was da vor mir liegt, ist ein hypothetischer Text: So könnte der Urtext ausgesehen haben. In den Fußnoten finde ich Hinweise auf Varianten, die in anderen Handschriften enthalten sind und möglicherweise auch sehr glaubhafte Textzeugnisse darstellen. Da heißt es dann: abwägen! Und: Entscheidungen treffen! 

In einer dieser sehr alten Handschriften gibt es eine Geschichte, die nicht in unserer Bibel steht (und die ich dennoch liebe). Es gibt für sie nur einen einzigen Textzeugen – und das ist zu wenig, um diese Geschichte in die Bibel aufzunehmen. Dennoch kann ich mir sehr gut vorstellen, dass uns hier ein Zitat überliefert wird, das auf Jesus zurück geht: In dieser Geschichte trifft Jesus einen Mann, der am Sabbath ein Bündel Holz trägt (was ja verboten war). Jesus spricht diesen Mann an und sagt: „Mensch, wenn du weißt, was du tust, bist du selig – weißt du es aber nicht, bist du verflucht und ein Übertreter des Gesetzes.“ Kaum ein Satz fast so prägnant Freiheit und Verantwortung gegenüber der Tradition zusammen. Womit wir wieder bei Luther und dem Ernst seiner Übersetzertätigkeit sind: Für Luther ging es bei der Übersetzung des Neuen Testamentes um einen streng verantwortbaren Umgang mit dem überlieferten Erbe. Aber dort, wo er es für gut begründet hielt, konnte er sich erstaunliche Freiheiten leisten. Und ich habe den Eindruck, dass er ziemlich genau wusste, was er da tat.

Hans-Christian Beutel – Kontakt: hans-christian.beutel@evl.fi


* Im Januar 1522 wird Adrian von Utrecht zum Papst gewählt (Hadrian VI). Er ist uns schon einmal in der Postille begegnet: Durch das Wort ist die Welt überwunden. Hadrian VI. wird uns noch beschäftigen. Vorerst weiß er noch nichts von seinem Glück (oder Unglück?), da er am Konklave gar nicht teilgenommen hatte. Erst am 8. März 1522 nimmt er die Wahl an und am 31. August 1522 wird er in sein Amt eingeführt. Richtig spannend wird es im Januar 1523, wenn Papst Hadrian VI. dem Anliegen der Reformation weit, weit entgegenkommt.  

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