Uncategorised 2022-03-27

Nachts zittert das Haus

by Hans–Christian Beutel

Erlebnisse am Maidan 2013/14

In der St.-Katharinen-Kirche in Kiew ist die Deutsche Auslandsgemeinde der Ukraine zuhause. Von 2009 bis 2015 leben und arbeiten Ralf und Charis Haska dort mit ihren Kindern als Auslandspfarrfamilie. Die Kirche liegt nur wenige Straßen vom Maidan entfernt. Und so erleben sie im November 2013 die Proteste des Euromaidan, als auf Druck Russlands die Assoziierungsverhandlungen der Ukraine mit der Europäischen Union ausgesetzt wurden. Als die Proteste im Dezember 2013 mit exzessiver Gewalt unterdrückt wurden, versuchte Ralf Haska die Situation auf dem Maidan zu deeskalieren. In der Katharinenkirche wurden Verletzte ärztlich behandelt. 

Charis Haska hat im Rückblick ihre Erinnerungen zusammengestellt. Anhand von Facebook-Einträgen, Briefen, Dokumenten schildert sie die angstvollen Wochen im November und Dezember 2013, die Entspannung und aufkeimende Hoffnung im Frühjahr 2014 und die ohnmächtige Wut angesichts der russischen Annexion der Krim.    

Es gibt inzwischen Bücher, in denen die „Revolution der Würde“, die Destabilisierung der Ostukraine und die völkerrechtswidrige Annexion der Krim durch Russland beschrieben und historisch analysiert werden. Was mir das Buch von Charis Haska aber wichtig macht, sind ihre sehr  persönlichen Eindrücke – die vielen Notizen über Gespräche mit Menschen in Kiew: Gemeindeglieder; Ärztinnen, die auf der Empore der Kirche Verletzte behandeln; Verkäuferinnen und Lehrerinnen ihrer Kinder;

Maidan-Protestanten, die im Hof der Kirche einen Moment der Ruhe suchen; Rentner, die wie Charis Haska einfach nur eben den Hund ausführen und mit denen sie ins Gespräch kommt. 

Die Ängste der Menschen kommen zur Sprache, aber auch ihr hintergründiger Humor. Treffsicherer politischer Witz steht neben kruder Verschwörungstheorie. Welche Hoffnungen für die Zukunft der Ukraine bewegen die Menschen. Welche Erfahrungen machen ihnen den Alltag schwer. Es sind Momentaufnahmen, die Charis Haska sammelt und zusammenstellt – Momentaufnahmen, die inzwischen acht Jahre her sind. Beklemmend, wie sich die Entwicklung der letzten vier Wochen darin ankündigen! 

Ich habe dieses Buch jetzt wieder hervorgeholt, weil es mir Bilder vermittelt. Ich lese die Nachrichten in den Online-Magazinen der Zeitungen, denen ich vertraue – aber sie vermitteln mir wenig Eindrücke, die es mir ermöglichen, mir die Menschen in der Ukraine vorzustellen. Das Buch von Charis Haska, wiewohl ihre Schilderungen acht Jahre zurück liegen, stellt mir konkrete Menschen vor Augen, lässt mich Namen kennen und Anekdotisches wahrnehmen. Vielleicht ein Ersatz für die fehlenden Eindrücke hinter dem nüchternen Satz am Schluss vieler Nachrichten jetzt: „Die Angaben beider Seiten können nicht unabhängig überprüft werden.“ Ja, vielleicht ein Ersatz – aber einer, der die gefühlte Distanz überbrückt und es mir ermöglicht, mir konkrete Menschen vorzustellen.

Charis Haska, Nachts zittert das Haus – Erlebnisse am Maidan 2013/14

Manuela Kinzel Verlag, 2014

ISBN: 978-3-95544-029-9

Hans-Christian Beutel, Kontakt: hans-christian.beutel@evl.fi

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