Die finnische Kirche und wir als Teil von ihr feiern in diesem Jahr 750 Jahre gelebte Herzensbildung. Der finnische Ausdruck ‚sydämen sivistys‘ beschreibt eine Form der Bildung, die neben Wissen auch Menschlichkeit, Empathie und innere Reife umfasst. Seit 750 Jahren prägt dieser Geist das Denken, Handeln und Zusammenleben der Gemeinschaft — ein bis heute spürbares Erbe, das nun mit einem Jubiläumsjahr gewürdigt wird, das Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander verbindet.
„Sydämen sivistystä 750 vuotta“ oder 750 Jahre gelebte Herzensbildung.
Selbstverständlich gibt es zu diesem besonderen Jubiläum zahlreiche Veranstaltungen. Weitere Informationen werden laufend online aktualisiert. Es werden Dialoge und Gespräche angeregt. Bereits hervorzuheben ist der Lesetag am Agricola–Tag, dem 9. April 2026 — dem Tag der finnischen Sprache. An diesem Tag wird ein Vorlesetag für Kinder und Erwachsene organisiert.

Um dieses Jubiläum besser zu verstehen und zu würdigen, begeben wir uns nun in die Geschichte der finnischen Kirche. Das Erzbistum Turku wurde vor 750 Jahren, im Jahr 1276, gegründet und markierte den Beginn der öffentlichen Verwaltung, Bildung und Kultur in Finnland. Es ist somit das älteste bis heute bestehende Verwaltungsorgan des Landes. Bereits zuvor gab es den ersten Bischofssitz, der zu Beginn des 12. Jahrhunderts in Nousiainen (in der Nähe von Turku) gegründet wurde. Dieser wurde um das Jahr 1250 nach Turku verlegt. Das Domkapitel Turku wurde schließlich im Jahr 1276 gegründet. Nach der Reformation im Jahr 1554 wurde die Diözese Viborg gegründet, und die östlichen Gemeinden dieser Diözese wurden dem Erzbistum Turku zugesprochen. Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein gehörten zwei Drittel aller Gemeinden zur Diözese Turku und wurden vom Domkapitel Turku verwaltet. Somit fungiert das Domkapitel seit 750 Jahren als Führungsgremium und Herz und Seele der finnischen Kirche.
Nun wollen wir auf die Errungenschaften des Domkapitels eingehen. Wir gehen hier nicht näher auf die wechselseitige Abhängigkeit zwischen Kirche und König im Mittelalter ein, können aber festhalten, dass das Domkapitel Turku bei der Gründung Finnlands im 13. Jahrhundert ein äußerst wichtiges „Werkzeug“ war. Erwähnt werden sollte auch, dass politische Reformen ebenfalls eng mit der Botschaft der Kirche verbunden waren und die Domkapitel Teil der kirchlichen Hierarchie waren. Die Kirche wiederum war im gesamten mittelalterlichen Europa eine politische Großmacht.
Im Mittelalter verwaltete das Domkapitel ein Gebiet, das fast ganz Finnland umfasste, und war zudem Zentrum von Bildung, Schriftlichkeit, Archivwesen und Personalausbildung. Darüber hinaus verfügte es über eine Gerichtsbarkeit und trug so zur Ordnung im Land bei. Es behandelte eine Vielzahl rechtlicher Angelegenheiten, beispielsweise Teile des Eherechts, und hatte somit Einfluss auf die sozialen Normen.
Ein ganz wichtiger Aspekt war die formale Bildung. Die ersten Schulen wurden von der Kirche gegründet, darunter die Kathedralschule in Åbo (schwedisch für Turku), die im Jahr 1276 vom Domkapitel gegründet wurde und somit in diesem Jahr ihr Jubiläum feiert. Der Unterricht, der sich an angehende Priester, Kantoren, Kirchenschreiber und Verwaltungsbeamte richtete, umfasste die Fächer Latein, Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Arithmetik, Geometrie und Musik. Man kann diese Domschule als die Keimzelle des finnischen Bildungswesens bezeichnen. Zudem diente sie als Grundlage für die im Jahr 1640 gegründete Akademie. Dabei wurden die unteren Klassen der Domschule als Schule weitergeführt, während die höheren Klassen in die neue Universität integriert wurden. Durch diese lange Zeit einzige höhere Bildungseinrichtung formte das Domkapitel somit auch die politische Infrastruktur Finnlands, bevor es eine weltliche Verwaltung gab.
Auch die Entwicklung des Gesundheitswesens wurde von der Kirche initiiert. Im Mittelalter war das Gesundheitswesen nicht staatlich, sondern kirchlich organisiert. Das Domkapitel war der Hauptträger der medizinischen Versorgung. Es hatte die Aufsicht über kirchliche Pflegeeinrichtungen wie Hospitäler, Herbergen und Armenhäuser. An der Domschule wurde nicht nur Basiswissen, sondern auch die Kirchenlehre — also die sozialen Pflichten gegenüber Kranken — vermittelt. Das Domkapitel verwaltete Stiftungen zugunsten Kranker und prägte den Umgang mit Krankheit durch kirchliche Hygiene– und Moralvorschriften. Es war auch für die gesundheitsbezogene Seelsorge sowie die Archivierung und Weitergabe von medizinischem Wissen verantwortlich.
Mit der schwedischen Reformation unter Gustav Vasa im Jahr 1572 wurde das Domkapitel Turku nicht aufgelöst, sondern als lutherisches Leistungsorgan weitergeführt. Seine neue Aufgabe war die Unterstützung der lutherischen Gelehrsamkeit. In diesem Zusammenhang ist Mikael Agricola (1539–1548) als Rektor und Begründer der finnischen Schriftsprache zu nennen. Die finnische Schriftsprache verbreitete sich beispielsweise durch Bibelübersetzungen, Katechismen und Gesangbücher.
Anzumerken ist, dass ohne diese Volksbildung, durch die die Menschen das Lesen der Bibel lernten, vieles anders verlaufen wäre. Die Kirche hatte eine entscheidende Bedeutung — nicht nur für die Religion und den christlichen Glauben, sondern auch für Kunst, Musik und die Entstehung der finnischen Kultur. Darüber hinaus stand das Domkapitel über seine Kleriker mit Schweden, Deutschland und Rom in Austausch. So gelangten europäische Kulturrichtungen wie Gotik, Renaissancefrömmigkeit und Musiktraditionen nach Finnland.
Zusammenfassend kann man sagen, dass Turku und insbesondere das Domkapitel bis 1809 das kulturelle und gesellschaftliche Zentrum Finnlands waren — administrativ, akademisch und religiös.
Im Jahr 1809 wurde Finnland ein autonomes Großfürstentum. Im Jahr 1817 wurde der Turkuer Bischof Jacob Tengström zum ersten Erzbischof von Turku und ganz Finnland ernannt, wodurch das Domkapitel Turku zum kirchlichen Machtzentrum des gesamten Großfürstentums Finnland wurde. Die Kirche — und somit das Domkapitel — bewahrten die finnische Literaturtradition (Agricola, biblischer Sprachgebrauch), die lutherische Bildung, die soziale und kulturelle Ordnung sowie das lutherische Ethos in Verwaltung und Gesellschaft. In einer Zeit der politischen Neuorientierung wurde das Domkapitel zum Träger finnischer Kontinuität — stärker noch als jede weltliche Institution.
Seit 1917 fungiert das Domkapitel als eine Art kirchliche Personal– und Verwaltungsbehörde und ist bis heute ein moralischer und kultureller Orientierungspunkt. Es nimmt aktiv an gesellschaftlichen Debatten teil, wirkt in Netzwerken mit und trägt „zur Verwirklichung von Glauben und Liebe“ im öffentlichen Raum bei. Es ist das administrative, geistliche und symbolische Zentrum der evangelisch–lutherischen Kirche Finnlands und somit eine kulturell prägende Kraft im finnischen Gemeindeleben und in der nationalen Kirchenidentität.
Unsere Welt hat sich im Laufe der Jahrhunderte in vielerlei Hinsicht zum Besseren entwickelt und verändert, und der Beitrag der Kirche zu dieser Entwicklung war und ist immer noch von unschätzbarem Wert. Die Herausforderungen, vor denen unsere Seelen stehen, sind bekanntlich ewig. Und unsere Herzen brauchen auch im Jahr 2026 ebenso wie in den kommenden Jahrzehnten und Jahrhunderten eine Herzensbildung.
— Norbert Erdmann
Alle Informationen und das vollständige Veranstaltungsprogramm finden sich auf den Webseiten der Finnischen Kirche im Internet.