„Jaget dem Frieden nach mit Jedermann“ — Vom Frieden und der Völkerverständigung ohne Politik — nur von Mensch zu Mensch, mit Pferden und Kutschen.
Am 9. November 2019 wurde im brandenburgischen Brück der Verein ‚Friedensglocken e. V.‘ gegründet. Ziel des Vereins war es, eine aus Kriegsschrott gegossene, fast 70 kg schwere Glocke — unsere „Friedensglocke“ — mit einem Kutschentreck von Berlin nach Jerusalem zu transportieren. Auf der Glocke steht nicht nur das Wort „Frieden“ in 12 verschiedenen Sprachen, sondern auch unser Motto: „Jaget dem Frieden nach, mit Jedermann“ aus dem Hebräerbrief.

Auf dem Weg nach Israel (oder auch: auf dem Weg zum Frieden) planten wir, mit den Menschen entlang der Strecke ins Gespräch zu kommen, ihnen zuzuhören, ihre Kultur und ihre Bräuche kennenzulernen und so — ein ganz kleines Stück — zur Völkerverständigung beizutragen. In Israel wollten wir die Glocke an die „Hand–in–Hand–Schule“ übergeben, einer der letzten Schulen, in der noch christliche, jüdische und muslimische Kinder im Klassenverbund gemeinsam unterrichtet werden. Sie stellt einen Hoffnungsschimmer in dieser vom Krieg so zerrissenen Region dar.

Als Starttermin wurde der 8. Mai 2025 festgelegt — genau 80 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkrieges in Europa. Zwischen 2019 und 2025 wurden insgesamt sechs sogenannte „Probetrecks“ von jeweils drei Wochen Dauer in Deutschland und dessen Nachbarländern durchgeführt. Ziel war es, die „richtigen“ Pferde auszuwählen, verschiedene Materialien zu testen und auch zu erkennen, wer ins Team passt, wer den Belastungen gewachsen ist und wer den notwendigen Durchhaltewillen besitzt (eben: Sisu). Die Teilnehmer an dem Treck kamen aus ganz Deutschland und einer schließlich auch aus Finnland! Ich kam im Frühjahr 2021 zu diesem Verein, da ich dessen Vorsitzenden, Pfarrer Helmut Kautz, den ehemaligen Pfarrer von Brück, persönlich kannte. Im Verein und im Zuge der Trecks war ich jeweils für die Logistik verantwortlich, was auch die Aufgaben des Kochs mit einschloss.

Tatsächlich starteten wir zwei Tage früher als ursprünglich geplant am Gründungsort des Vereins. Die Gemeinde Brück hatte diese Entscheidung mit einem kleinen Scheck honoriert. Unsere Route führte uns zunächst zur Brandenburgischen Staatskanzlei, um unserem Schirmherrn, dem Brandenburgischen Ministerpräsidenten Herrn Dr. Dietmar Woitke, unsere Aufwartung zu machen.


Am 8. Mai waren wir dann am Brandenburger Tor, wo wir vom Generalsuperintendenten des Sprengels Potsdam, Herrn Kristof Balint, unseren Familien und Freunden und vielen hundert Gästen verabschiedet wurden.
In den Späth’schen Baumschulen hatten wir unser Nachtlager aufgeschlagen, und von hier aus ging es dann wirklich los. So sah, exemplarisch, unser Tagesablauf aus: um 5.30 Uhr standen die Kutscher auf und versorgten zunächst ihre Pferde. Der „Küchenchef“ (also ich) setzte den ersten Kaffee auf und bereitete mit seinen „guten Seelen“ das Frühstück vor. Um 7 Uhr wurde stets gefrühstückt, und um 7.45 Uhr wurden die Details der jeweiligen Tagesetappe besprochen.
Anschließend haben die Kutscher mit ihren jeweiligen Teams die Pferde angespannt, während der Tross (Küchenpersonal, Fahrer und Beifahrer der Begleitfahrzeuge) das Lager abbaute. Der Treck hat sich stets um 9 Uhr in Marsch gesetzt, die Begleit–, Küchen– und Zugfahrzeuge (der sogenannte „Tross“) dann gegen 10 Uhr. Dennoch war der Tross, da er die öffentlichen Straßen nutzen konnte und schneller fuhr, immer früher am neuen Übernachtungsplatz als der Treck.
Gegen 12 Uhr wurde das neue Lager eingerichtet (Zelte, Küche, mobile Toiletten und Koppeln aufbauen, wenn verfügbar Wasser und Strom anschließen und, wo möglich, Sanitärräume inspizieren). Während die Küchenhelfer dann das (warme) Abendessen bereits vorbereiteten, bin ich für den Folgetag einkaufen gefahren. Wenn der Treck dann gegen 16 Uhr am Feldlager eintraf, war bereits wieder Kaffee gekocht und eine Kleinigkeit zum Essen vorbereitet (Kuchen, Kekse, Obst, o. ä.). Da unser Feldlager in der Regel in der Nähe von Ortschaften eingerichtet war, kamen am Nachmittag oft Besucher zu uns. Die Pferde wirkten dabei auf die Kinder oft wie ein Magnet. Mit ihnen kamen die Eltern, Großeltern und die übrigen Dorfbewohner. Nicht selten wurde hier schon abgesprochen, dass der Treck mit den Kutschen dann am Folgetag einen Zwischenhalt bei einer Schule, einem Altenheim oder einem Marktplatz einlegen konnte. Schließlich wollten wir ja mit den Menschen in Kontakt kommen.

Um 18.30 Uhr war dann immer Abendessen angesetzt, und der Abend wurde in kleineren Gruppen oder in der Gesamtgruppe — mal mit, mal ohne Lagerfeuer — verbracht. Oder es kam ganz anders: In einem kleinen Ortsteil der Gemeinde Ludwigsfelde, südlich von Berlin, sollte ich von einer Frau, von der ich nichts als die Telefonnummer kannte, den Schlüssel für das Feuerwehrgerätehaus übernehmen. Hier konnten wir die Sanitäranlagen nutzen. Außerdem sollte sie mir die Wiese zeigen, die wir als Koppel nutzen konnten. Es erwartete mich Sabine, die Ehefrau des ehemaligen Bürgermeisters. Sie hatte bereits einen Kuchen für uns gebacken und stiftete zwei weitere Frauen des Dorfes an, uns weitere Kuchen zu backen. Die Männer kamen abends hinzu mit sauer eingelegtem Gemüse, Eiern, Honig und selbstgemachten Marmeladen (alles als Spenden!), einem Grill samt Grillgut und einigen Flaschen „Hopfenkaltschale“. Das Ganze endete in einem völlig ungeplanten, aber nicht weniger schönen und sehr langen Dorffest.
So passierte es häufig. Ob mit der Freiwilligen Feuerwehr im tschechischen Zabori, mit den „Banater Schwaben“ Detta (Rumänien) oder dem Fiaker–Betreiber in Wien, der für uns alle eine Stadtrundfahrt in seinen und unseren Kutschen organisierte.

Unterwegs wurden wir überall mit Spenden überhäuft: selbst Eingekochtes in Deutschland, geräucherten Schinken in Tschechien, Salami in Ungarn oder selbstgebackenes Brot in Griechenland. Aber auch Heu– und Futterspenden für unsere Pferde. Sehr angenehm: Ein Bewohner der Ortschaft Strehla an der Elbe stellte uns sein Gästebad zur Verfügung. Die erste Dusche und ein sauberes WC nach vier Tagen Treck!

In Jeitendorf vor den Toren Wiens hatten wir Besuch von Maria und ihren beiden Enkeln. Sie brachten uns Kuchen. Natürlich durften die Kinder mal mit der Kutsche mitfahren und die Friedensglocken läuten. Maria war so begeistert, dass sie am nächsten Tag noch einmal kam. Sie war Friseurmeisterin, brachte Kämme, Scheren und Haarschneidemaschine mit, und so kam jeder, der es wollte, zu einem frischen Haarschnitt. Auch das eine tolle Spende.


So zogen unsere Kutschen und der Tross durch Europa. Wir begannen mit sieben Kutschen, 18 Pferden und 33 Personen. Begleitet wurde der Treck von je einem Fahrzeug plus Anhänger pro Kutsche. Schließlich wollten wir für den Fall der Fälle autark sein. Hinzu kam ein Küchentrailer samt Zugfahrzeug, mein Defender, der den Materialanhänger zog, und unser „Erkunder“ mit seinem Geländewagen. Er war uns stets drei bis fünf Tage voraus, um neue Strecken und Übernachtungsplätze zu erkunden und erste Absprachen zu treffen.
Im Laufe unserer Reise wurde der Treck jedoch immer kleiner. Es war absehbar, dass die Begeisterung und die Kraft nachließen. Manche Abgänge waren geplant (insbesondere diejenigen der noch berufstätigen Teilnehmer), andere kamen überraschend, weil zuhause etwas Außergewöhnliches passiert war. Aber es kam auch immer wieder Verstärkung hinzu, wie berufstätige Angehörige, der Enkel einer Kutscherin oder der Lehrer aus Oberbayern mit seiner Tochter, die nur während der bayerischen Sommerferien dabei waren. Dabei übernachteten wir auf und bei Sportplätzen (wegen der Sanitäranlagen), in Schlössern und verfallenen Burganlagen, aber auch nahe einer Kläranlage, unter der Autobahn oder in Anlehnung an eine Mülldeponie. Oft aber an der Donau, deren Verlauf wir ab Wien bis nach Bulgarien folgten und in der wir mit unseren Pferden mehr als einmal baden waren.


Zu unseren Begleitern zählten die frostigen Nächte (in Sachsen), die Hitze (auf dem Balkan) und die Regengüsse (Bulgarien). Dagegen waren wir gefeit, auch gegen mögliche Übergriffe wilder Tiere (Hunde, Füchse, Wölfe und auf dem Balkan auch Bären); nicht aber gegen die Bürokratie! Und die ist mancherorts schlimmer als in Deutschland oder Finnland. In der Türkei schließlich drohte sie unserem Treck den Garaus zu machen. Die von uns geplante Strecke durch die Türkei nach Ost–Anatolien, durch Syrien (gewagt!) und Jordanien nach Israel scheiterte an der bulgarisch–türkischen Grenze. Nach 12 Tagen des Wartens im Grenzbereich und nach unzähligen Anträgen und Bescheinigungen wurde unser Treck vor die Wahl gestellt: zurück nach Bulgarien oder die Beschlagnahme allen Materials und der Tiere. Auch die Intervention der Deutsch–Israelischen Gesellschaft, der Brandenburgischen Staatskanzlei oder des Bundestagspräsidiums war nicht erfolgreich.

So hieß es: Plan B! Da uns klar war, dass der Weg durch Syrien viele Unwägbarkeiten enthielt, hatten wir von Beginn an eine alternative Route durch Griechenland geplant — aber nicht erkundet! Zudem wollten einige Treckteilnehmer unbedingt einen neuen Versuch durch die Türkei unternehmen. Der Treck schien in Chernodab in Süd–Bulgarien zu zerfallen. Doch man riss sich zusammen. Zwei Kutschen verblieben. Unser zweiter Glockenwagen wurde aus Deutschland nachgeführt, eine weitere Kutsche und zwei Pferde beschafft, und ein — bereits heimgereister — Teilnehmer kam samt Kutsche und Pferden wieder zurück. So wurde unser Treck wieder „neu aufgestellt“ und konnte weiterziehen — immer dem Ziel Israel (und: dem Frieden) entgegen.
Währenddessen liefen in Deutschland die Drähte heiß: nicht nur, dass ein Schiff besorgt werden musste; aufgrund des deutlich kürzeren Weges wurde unsere gesamte Israel–Planung nach vorne verschoben. Genehmigungen mussten nun kurzfristig beschafft werden, Unterkünfte, Ställe, ein „Touristen–Programm“, die Übergabe der Glocke und unsere Abschiedsfeier mussten geplant werden.
Also bin ich mit dem oben genannten Pfarrer Kautz nach Thessaloniki und von dort nach Tel Aviv geflogen, um alle Absprachen zu treffen, Strecken zu erkunden und Genehmigungen einzuholen. Jetzt war es an den israelischen Behörden, uns einen Strich durch die Rechnung zu machen. Die Pferde durften nicht eingeführt werden. Fahrzeuge hätten einer umfangreichen (und zeitraubenden) technischen Überprüfung unterzogen werden müssen. Andererseits wollten wir unseren Aufenthalt in Israel nicht länger gestalten, als notwendig — schließlich hörten wir ständig von kriegsähnlichen Zuständen ob des verbrecherischen Überfalls der Hamas auf die israelische Zivilbevölkerung.
Und wieder kam alles ganz anders:
Wir haben schließlich nur unseren Glockenwagen nach Israel eingeführt (um den israelischen Behörden ein Schnippchen zu schlagen, mussten wir die Kutsche zunächst an einen Israeli verkaufen, um sie dann wieder zurückzukaufen). Gezogen wurde dieser dann von zwei Maultieren („Juliette“ und „Angelique“ — beide hatten noch nie eine Kutsche gezogen!), und wir konnten so noch das Land erkunden, zwei weitere Schulen und eine Behinderteneinrichtung besuchen; im Schlepptau immer drei Leihwagen für all die Personen, die nicht auf unseren Glockenwagen passten.


Die „Hand–in–Hand–Schule“ hatte den Termin für die Übergabe der Glocke auf den 13.11.2026 terminiert. Alle Vorabsprachen (oder gar eine „Erkundung“ der örtlichen Gegebenheiten an der Schule) wurden untersagt. So blieb Zeit für Besuche der Jerusalemer Altstadt, des Toten Meeres und der Geburts– und der Grabeskirche Jesu Christi.
Am 13. November war es dann endlich soweit — der Tag der Glockenübergabe — nach 3.600 km und 191 Reisetagen.

Unser Verein hatte hierfür alle Teilnehmer des Trecks, alle Vereinsmitglieder und unsere Sponsoren eingeladen, und über 25 Personen (zusätzlich zu den zuletzt verbliebenen 15 Treckteilnehmern) sind dieser Einladung nachgekommen. Unser Glockenwagen wurde früh morgens zur Schule gebracht und auf dem Sportfeld aufgestellt. „Juliette“ und „Angelique“ mussten fernbleiben — israelisches Recht (!). Die Kinder waren begeistert. Klassenweise wurden Fotos vor dem Glockenwagen und der dort zunächst noch hängenden Glocke gemacht. Es wurde getanzt und gelacht. Nur wenn man genau hinsah, konnte man die ein oder andere Träne sehen. Auch als die Glocke schließlich abgenommen und in die Schulaula getragen wurde, zeigten sich unsere Treckteilnehmer noch stark. Als aber schließlich drei Mädchen der Schule (eines jüdisch, eines muslimisch und eines christlich) gemeinsam die Glocke läuteten und damit deutlich machten, wer nun die Verantwortung für dieses Stück Messing übernehmen würde, wurde uns klar, wofür wir all diese Strapazen auf uns genommen hatten.

Wir waren traurig, die Glocke abgeben zu müssen; aber gleichzeitig haben wir uns mit den Kindern gefreut. Es wäre zu viel verlangt, zu erwarten, diese Kinder hätten die Bedeutung dieser Glocke jetzt bereits vollumfänglich erfasst. Aber sie spürten sicherlich, dass es etwas ganz Besonderes war, was wir dort über sechs Monate, 3.600 km, zu ihnen gebracht haben.

Am Abend haben wir gemeinsam ein schönes Abschiedsfest im Paulushaus in Jerusalem gefeiert. Schon am Folgetag ging der Flieger nach Thessaloniki zurück, wo unsere Autos, Anhänger und LKWs standen. Über Igouminetza, die Fähre nach Bari und dann auf dem Landweg ging es zurück nach Deutschland und für mich wenige Tage später weiter nach Helsinki.
Was bleibt? Ganz viele Erinnerungen an ganz viele Menschen entlang unserer Strecke. An deren Lachen, deren Lebensfreude und deren Großzügigkeit. Aber auch an die traurigen Momente: Eine Mutter übergab uns im tschechischen Podboranski Hrohacek das gerahmte Foto ihres Sohnes, der sich ein Jahr zuvor das Leben genommen hatte, verbunden mit der Bitte, das Bild in einer katholischen Kirche in Jerusalem segnen und aufstellen zu lassen.
Ich erinnere mich an gemeinsame Feste, an diverse Einladungen, u. a. in die Parlamente in Wien, Budapest und Jerusalem, an ihre stolzen Gesichter, wenn die Menschen — insbesondere auf dem Balkan — uns ihre Pferde und Kutschen vorführten. An die Tänze, die leuchtenden Augen der Kinder, wenn sie die Shettys streicheln durften. Aber auch die Konflikte bleiben nicht vergessen, die wir mit anderen (Veterinären, Bauern und vor allem mit Behörden) hatten, aber auch untereinander. Wir jagten dem Frieden nach mit Jedermann, so wie es im Hebräerbrief der Verfasser fordert. Jeden Tag aufs Neue. Aber Jedermann ist eben auch derjenige, der neben dir schläft und schnarcht und am nächsten Morgen frisch ausgeschlafen neben dir am Frühstückstisch sitzt und dich anlächelt. Für mich bleibt vor allem die Erkenntnis, dass es sich gelohnt hat. Die Freude der Menschen entlang der Strecke entschädigt mehr als genug für alle Unbilden, mit denen wir konfrontiert wurden. Es bleibt aber auch — einmal mehr — die Einsicht in die Unergründlichkeit von Gottes Wegen, wie sie im 11. Kapitel des Römerbriefes benannt sind.
Wie geht’s weiter? — Das wissen wir noch nicht. Anfang Mai dieses Jahres werden wir unsere vereinsinterne Mitgliederversammlung haben, die entscheiden wird, ob der Verein aufgelöst werden wird oder ob er — unter neuer Zielsetzung — weiter bestehen wird.
— Jörg Hauer
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